die Idee

Begin the Begin

„Birdie in the hand for life’s rich demand

The insurgency began and you missed it“ 

R.E.M.

„Am Anfang war…“ -ein Wunsch.

„Was würdest du machen wenn wir auf einmal sehr viel Geld hätten?“

Das habe ich Annette an einem Spätsommerabend im September 2017 in der Küche unserer Wohnung in Konstanz gefragt. Lange schon wollten wir uns eigentlich ein Haus kaufen, suchten wir etwas eigenes, oder zumindest erst einmal zur Miete ein Haus mit Garten.

Und lange schon will ich mal wieder weg. In die Welt. Etwas Neues machen. Einfach mal da sein, im Hier und Jetzt. Aber eben doch lieber woanders

Wieder hat ein neues Schuljahr begonnen, und wieder habe ich Probleme gehabt mich dafür zu motivieren. Ja, die Schüler sind toll und ich habe immer noch große Freude an der täglichen Arbeit mit ihnen. Aber alles andere, was mich zum Beamten werden ließ und mich gleichsam verpflichtend an diesen Beruf kettet, hing mir bereits wieder zum Hals heraus: Konferenzen, Bürokratismen, Bürotätigkeiten, Bürgertümeleien und neue Formalitäten, Ordnungen und Systeme, die mich mehr und mehr unzufrieden werden ließen ob meiner Tätigkeiten, ob meines Selbst…

„Wer bist du Peer Gynt, du selbst?“

Ja, war ich es noch? Ich habe doch Verantwortung, der Klasse gegenüber, der Schule gegenüber, meiner Familie gegenüber… Ja, eben meiner Familie gegenüber. Meiner Frau Annette und unserem Sohn Lunis, der in einem Monat, im Januar 2018 drei Jahre alt wird. Was für einen Papi, für einen Mann brauchen die beiden- was für ein Ich brauche ich? Einen ewig zaudernden, zögernden und zynischen Wechsler aus Misanthrop und Miesgelauntem? Einen Mann, der zwischen den Glory Days und den verpassten Chancen und Möglichkeiten seines Lebens sich in einer Einbahnstraße der Behaglichkeit und der Sicherheit befindet?

„Papi, wenn ich mal groß bin, dann werde ich Spießer!“

Genauso. Wir haben es doch gut. Wir wohnen in Konstanz, in einer wirklich wunderschönen, großen 5-Zimmeraltbauwohnung in der Altstadt, mit hohen Decken, Stuck, Parkett, Kamin und zwei Balkonen. Nette Nachbarn. Nette Vermieter. Annette kann die meisten Dinge zu Fuß oder mit dem Rad machen. Ich habe einen eigentlich tollen Beruf, in dem ich die Anerkennung und die Sicherheit bekommen habe, die ich als Schauspieler nie erhalten habe. Lunis hat einen Kindergartenplatz, Annette als Fotografin ihre Kunden. Wir sind Anfang bzw. Mitte Vierzig, wir sind doch angekommen im Leben.

Leben. Was für ein breiter Begriff. Reinhold Messner spielte mit dem Überleben bzw. sinnierte später auf seinen Vorträgen „ÜberLeben“.

Ich möchte das Wort eher als Imperativ benutzen: Lebe! bzw. Lebt!.

Für mich heißt das aber vor allem eines: Lebe deinen Traum…

Der Traum ein leben, das Leben ein Traum

Als Schauspieler habe ich einmal in Grillparzers allegorischem, märchenhaftem Drama (bzw. natürlich auch von Calderon verfasst ) den Rustan gespielt, der seine Familie und seine junge Frau verlassen hatte, um das Glück zu suchen. Dabei hat er sich selbst verloren und gefunden hat er sein Glück nicht, doch zum Glück war alles nur ein Traum…

Natürlich geht es mir, geht es uns gut, hier gut, doch ich bin noch nicht soweit, ich will mich noch nicht binden an dieses allzu geordnete Leben.

There is something outside, somewhere into the wild.

Krakauer, Messner, Goethe, Ibsen oder Grillparzer: Ich kann meine Fantasien, meine Träume und Sehnsüchte in der Literatur finden und suchen zu stillen, doch weil der Unrast stets ein Herz wohnt (Celan) und allem Anfang ein Zauber inne (Hesse) wohnt: Ich gehe. Wir gehen. Zusammen ein Jahr. Unterwegs. Mal weg sein. Und wenn es so ist wie beim Alchimisten von Coelho: Dann ist es eben gut so. Zurück zu Faust oder auch zu dem wunderbaren Erich Kästner: „Am Anfang war die Tat“ (Faust) bzw. „Es gibt nichts Gutes außer man tut es!“ (Kästner, Moral).

Wir. Lunistefannette. Also hat Annette auf die eingangs gestellte Frage geantwortet: „Ich würde verreisen.“

Reisen. Wohin, womit und wie. Die Frage nach dem Wer stellte sich uns nicht. Wir wollen zusammen als Familie reisen, ein Jahr lang durch Europa. Weiter nicht, da wir aus persönlichen Gründen nicht zu weit weg von meiner Familie wollen, und daher schnell auch wieder zurück sein könnten wenn es dringlich sein sollte. Ich bleibe vorerst im Konjunktiv. Also Reisen… Das Wohin ist nicht so wichtig, es gibt genügend Sehnsuchtsorte, Wünsche und Träume. Aber weil wir mit Lunis reisen, ist es uns zu anstrengend, zu trampen, zu fliegen oder mit der Bahn zu fahren. Wir brauchen eine Homebase, einen festen Ort, der trotz temporalem Momentums Bestand hat für Spielzeugkiste und Gitarre. Also ein Wohnmobil…

Wo gibt es das, wie fährt man damit und was muss man für ein gebrauchtes Fahrzeug, das nicht nur die erste Etappe erfolgreich erreichen soll, ausgeben? Dies und die anderen Fragen nach Finanzierung der Reise, was machen wir mit der Wohnung und so weiter bleiben vorerst offen.

In der ersten Zeit behalten wir unsere Pläne noch für uns. Ich habe mich nebenbei als Option für Deutsche Schulen im Ausland beworben, habe Angebote aus La Paz, Kairo, Ankara, Moskau und Shanghai erhalten. Keine Ziele, die uns zusammen unmittelbar ansprechen. Auch als ich das Angebot einer Schulleitung aus Ungarn erhielt, eine interessante Herausforderung aus einer Stadt, die nicht ein Millionenmoloch ist, habe ich abgesagt. Es entspricht nicht dem was wir wünschen, einem Leben in der Natur, im anderen Land, in einer fremden Umgebung, die wir nach unserem Gefühl bereisen wollen, ohne ein Ziel, ohne einen Auftrag.

Daher habe ich in der Schule schon Bescheid gesagt, mitgeteilt, dass ich nach diesem Schuljahr einmal weg bin. So oder so. Ein gutes Gefühl…

Nun werden wohl keine Angebote für die Auslandsschule mehr kommen, und ich habe meinen Freunden mitgeteilt, was wir vorhaben. Es fühlt sich gut an, doch jetzt gibt es auch kein Zurück mehr. Die große Summe Geldes, von der ich eingangs aus einer Spielerei hervorgegangen bin, die gibt es nicht. Wir müssen uns also etwas leihen, einen Kredit aufnehmen, wenn wir denn einen bekommen, und unsere gesamten Ersparnisse dafür aufbrauchen, um ein Jahr reisen zu können. Dann die Frage, wie wir es mit der Wohnung machen. Wir würden in Konstanz keine vergleichbare Wohnung wieder bekommen können, würden also gerne die Wohnung behalten und für ein Jahr untervermieten. Spielen da unsere Vermieter mit? Bekommen wir überhaupt jemanden, der oder die dazu bereit wäre? Und was machen wir mit unseren Sachen, unseren Möbeln und dem ganzen Kram, den wir nicht verkaufen wollen und irgendwo unterbringen müssen? Vielleicht in einem Zimmer der Wohnung, es gibt ja schließlich fünf, vielleicht auch auf dem Dachboden. Vielleicht, Vielleicht, Vielleicht…

Dazu kommen noch die anderen Dinge wie Krankenkasse, Rente, Kindergartenplatz… Also, Rock´n Roll!


Heute ist der 30. Dezember 2017, der vorletzte Tag des Jahres. Wir feiern in der Schweiz, haben uns zwei Nächte im Appenzell gegönnt, in einem kleinen Hotel in den Bergen. Nein, noch habe ich mich nicht entschließen können mit dem großen Sparen. Doch im neuen Jahr soll mal wieder alles anders sein, es ist das große Jahr der Veränderung, das Jahr, in dem ich 46 Jahre alt werde. Mir hat in Sri Lanka vor einigen Jahren ein Mann aus der Hand gelesen, als wir in einem Kräutergarten waren und ich eine ayurvedische Massage erhielt. Ich werde einen ziemlichen Cut erleben, so oder so.

Aber es gibt nicht nur Ich, es gibt vor allem ein Wir.


Am 4. Januar 2018

Willkommen im Reiseclub des Jahres 2018! Silvester haben wir, wenn auch ein wenig verkürzt, nun hinter uns gebracht im Sonnenschnee von Appenzell in einem charmanten, stillen Hotel zu bekannten Schweizer Konditionen und Preisen. Unser Urlaubsbudget ist dadurch wieder etwas geschrumpft, auch weil ich mal wieder drei Km/h zu schnell unterwegs war in der blendenden Sonne des Neujahrstages, und am Tag zuvor habe ich beim Joggen den Entschluss gefasst, dass es vielleicht etwas voreilig wäre, bereits im Sommer zu fahren. Wir haben noch keine Erfahrungen im Wohnmobil, besitzen auch noch keines, und wir haben vor allem nicht das Geld. Zumindest jetzt noch nicht. 

Was für eine Summe bräuchte man denn letztlich dafür als Minimum? Ich habe im Moment knapp 15.000 Euro, wenn ich totalen Kassensturz mache. dafür bekommen wir gerade mal das Wohnmobil. Und wenn ich eisern spare, dann könnte ich bis zum Sommer noch einmal 5000,- zur Seite legen. Dazu kämen noch Einkommen aus kleineren Verkäufen wie auf dem Konstanzer Flohmarkt, die ich für mich auf vielleicht 500,- taxieren könnte (Ohne Flohmarkt), und vielleicht auch noch etwas Geld für meinen 18 Jahre alten Skoda Octavia. Damit wäre ich bei etwas mehr als 20.000 Euro über dem Meer. Was kann Annette leisten? Welche Kosten kämen denn auf uns zu?

Da wären also folgende Fixposten:

Wohnmobil 20.000
Krankenkasse  3.000
Benzin 3.500
Reparaturen und Versicherung Ca. 3.500
Essen 7.000
Divers. wie Maut, Campingplatz u.a. 3000
Zusammen erst einmal: 30.000

Also wäre es gut, eine Summe von 45.000 Euro im Sommer zur Verfügung zu haben. Das habe ich nicht, haben wir nicht.

Also haben wir, das heißt, erst ich, dann nach überzeugenden Bedenken, auch Annette entschieden, die ganze Reise ein Jahr nach hinten zu verschieben. dann wäre Lunis auch schon viereinhalb, und wir erfahrener mit dem Wohnmobil. Zudem müssten wir dann keine Schulden wegen der Reise machen und könnten entspannt hier her zurück kommen, ins beschaulich biedere Leben auf dem Schweizer Supermarkt in Konstanz, manchmal ein bisschen ärgern über das eigene Leben oder die Anderen, oft auch über den Beruf und die verlorenen Träume, aber es bliebe ja einer bestehen: Die Hoffnung auf ein gut durchdachtes, sorgenfreies Leben im Wohnmobil.


Wohnmobil, später…

Denkste! Ich will nicht warten!

Am 12. März sieht die Welt schon ganz anders aus: Yippie Ya Yeah, Schweinebacke! Wir haben ein Wohnmobil! Einen Hymer auf einem Ducato, vollintegriert, Turbo mit allem Schnickschnack: Batterien, Dusche, Küche, Solar, Satellit, Fernseher, neuem Motor und vor allem: viel Platz! Ein toller Wagen, alles Tip Top. Jedoch eigentlich nicht ganz, eben schon etwas älter, und dafür lassen wir dann doch jede Menge Holz… Egal, wir haben eine Bleibe! ich kann es kaum erwarten, heute habe ich die Scheine von der Bank geholt. Übermorgen melden wir das Ding dann an und am Wochenende fahren wir mit unserer Titanic auf die Schwägalp in das Schweizer Appenzell! Hoffentlich ohne die Eisberge…

Nun ist es also safe. Unsere Freunde und Bekannten, unsere beruflichen Partner und Kontakte, sie wissen es jetzt, wir sind nun raus mit unserem Baby. Wir suchen zwar noch nach Lösungen für die Krankenkasse (ich bin ja privat versichert, habe aber kein Einkommen für ein Jahr), unsere schöne Wohnung, die wir für ein Jahr zwischenvermieten möchten (Interesse? Call us ), unseren Krempel und mögliche Wiedereingliederungsmaßnahmen für Kindergarten und Beruf. 

Wenn wir dann zurück kämen… ob ich dann endlich mein Buch fertig und den Mut gefunden habe, es zu veröffentlichen? Ob ich mich dann wahnsinnig freue, in mein altes Leben zurück zu kehren, aus dem ich mich gerade doch so fort wünsche? Ob wir als Familie alles gut zusammen hinbekommen? Natürlich, viele Fragen, deren Antwort die Zeit irgendwann herauslässt. Bis dahin erst mal Rock´n Roll. 

Es ist nun Frühling, gierig sauge ich die warme Luft in meine Lungen, suche ich die Knospen ab und schaue nach Krokus und Osterglocken. Langsam klären sich Dinge wie Versicherungen und wir bekommen täglich neue Ideen für mögliche Ziele und Stopps. Vor allem unser Sohn Lunis ist uns mindestens zwei Schritte bzw. Wohnmobile voraus: Mit seinen beiden Playmobilwohnmobilen fährt er ständig durch sein grünes, von Maulwurf, Maus und Jim Knopf auf den Wänden bewachtes kleines Kinderwäldchen und gibt uns Richtung und Route vor. Sic est! Wir kommen mit!

Die Vorfreude auf die erste Nacht an Bord ist unbeschreiblich! Nur welchen Song werde ich wohl als erstes in die Boardanlage stecken? Wahrscheinlich Thomas D mit seinem Rückenwind  Oder doch lieber REM?


Wir werden uns ziemlich reduzieren müssen. Lunis wird auch nur einen kleinen Teil von seinem vielen Spielzeug mitnehmen können. Für uns nur Funktionskleidung und die nötigsten paar Schuhe. Für meinen Hochleistungsmixer ist jedenfalls kein Platz und kein zusätzlicher Strom.Was brauchen wir wirklich zum Leben und zum glücklich und zufrieden sein? Wahrscheinlich nicht besonders viel, wir werden berichten.